Wie die Katze zur Sau wird
In meiner letzten Sprinz-News schrieb ich von der Sau, die durchs Dorf getrieben werde. Auf der Suche nach dem Ursprung dieses Sprichwortes stieß ich auf eine Geschichte aus der Nordmark. Das war im Mittelalter eine Markgrafschaft zwischen Elbe und Oder. Schon damals gab es Steuereintreiber, und schon damals versuchten findige Leute, diese zu betrügen.
In diesem Fall sollte der Graf von Gratenfels seine Steuern bezahlen, aber er gab vor, nicht über ausreichende Barmittel zu verfügen und schlug eine Bezahlung in Naturalien vor: Säue aus seiner berühmten Zucht, die sein Kämmerer dem Herrn Steuereintreiber gerne persönlich vorstellen wolle, damit der Kaiser als neuer Besitzer auch die Steuergaben hinreichend zu schätzen wisse. Dem Steuereintreiber wurden sodann im Laufe des Tages viele prächtige Tiere vorgeführt, alle mit Stammbaum und Anekdoten zu einzelnen Charakterzügen. Was dem kaiserlichen Gesandten entging, war die Tatsache, dass die Säue direkt nach der Vorstellung alchemistisch behandelt und dann mit anderem Aussehen und neuem Fantasiestammbaum erneut über den Marktplatz getrieben wurden.
Gegen Abend schwirrte dem Steuereintreiber der Kopf vor lauter Namen von Muttertieren, Farben, besonderen Zeichnungen und anderen Eigenschaften. Als der Kämmerer eine Pause vorschlug, um sich nach der anstrengenden Aufgabe im nahen Wirtshaus einen guten Tropfen zu gönnen, nutzte der Steuereintreiber die Gelegenheit und verließ fluchtartig die Stadt. Seine letzten Wort waren – zumindest gemäß der Überlieferung: »Nichts wie weg, ehe die Gratenfelser die nächste Sau durchs Dorf treiben!«
Soweit die Legende zu der Redewendung, die es 2006 bis in die bekannte britische Wochenzeitschrift The Economist geschafft hat. »Chasing another pig through the village. This German expression, meaning pushing a new cause before finishing an old one…«
Weil eben nicht jede Redewendung einfach so übersetzt und vor allem verstanden werden kann, griff The Economist zu einer wortwörtlichen Übersetzung, die er jedoch danach gleich erklärt als »Eine neue Sache in Angriff nehmen, bevor eine alte beendet ist«. Wäre das auch Ihre Interpretation gewesen, jetzt, nachdem Sie die Geschichte zur Entstehung dieser Redewendung kennen?
Nicht immer entstehen Redewendungen aufgrund lokaler Ereignisse. Viele Sprichworte befassen sich mit den universellen Themen der Menschheit und verwenden daher ähnliche Bilder, die sich jedem sofort erschließen*.
- Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist (Deutschland)
- Man muss den Baum biegen, solange er jung ist (Kamerun)
- Der Sand lässt sich scharren, solange er feucht ist (Kongo)
- Man muss sich um seine Zähne kümmern, solange sie noch im Mund sind (Nigeria)
Die Erfahrung lehrt, dass die Übersetzung der Sprichworte aus dieser Kategorie zwar zu schönen Stilblüten führen kann, die aber dem anderssprachigen Gegenüber nicht unbedingt auffallen müssen. Denn er überträgt automatisch die Botschaft in das ihm bekannte Bild, so dass die generelle Aussage gewahrt bleibt.
Sollte Ihnen also einmal die Übersetzung von »nicht die Katze im Sack kaufen« einfallen, versuchen Sie es doch mal mit »don’t buy the cat in the sack». Ihr Gegenüber wird wahrscheinlich problemlos erkennen, dass Sie eigentlich »don’t buy the pig in the poke« meinten. Verwechseln Sie ruhig Katze und Sau im Sack und man wird Sie trotzdem verstehen. Allerdings nur, solange Sie die Sau nicht durchs Dorf treiben.
* Quelle: Axel Krohn, Andere Felder, andere Grashüpfer, Kulturaustausch, Ausgabe II+III/2011